Was sind eigentlich… Cultural Probes? [Teil III]

Im dritten Teil unserer Serie zu method(olog)ischen Ansätze in All is data (AID) möchten wir euch heute das Thema (digital) Cultural Probes näher bringen. Der Verantwortung hierfür liegt beim Teilprojekt Bremen, wo die Probes in Abstimmung mit den Kolleg*innen der anderen Teilprojekte entwickelt und von dort aus in die Schulen gebracht werden. Dabei stehen unter anderem Forschungsfragen im Fokus, wie Pädagog*innen mit Daten in ihrem (Arbeits-)Alltag umgehen oder auch wie ihr Datenhandeln in einer konkreten Situation aussieht. 

Cultural Probes haben ihren Ursprung in der Ethnografie und sind sozusagen daraus abgeleitet. Sie grenzen sich jedoch dadurch ab, dass die ethnografische Beobachtung durch eine weitere Person durch eine Selbstbeobachtung und Selbstaufschreibung ersetzt wird. „Metaphorisch gesprochen wird eine Sonde in den Alltag entsendet, um daraus Proben zu entnehmen“ (vgl. Gaver et al. 1999). Jene Sonde wird letztlich durch das Forschungsteam ausgewertet und analysiert. Der Unterschied zur Ethnografie ist, dass der:die Forschende nicht unmittelbar am Alltag teilnehmen muss. Stattdessen werden die Teilnehmenden mit Hilfe verschiedener Tools dazu angeregt ihren (Arbeits-)Alltag zu erfassen und somit für Forschende zur Verfügung zu stellen. Ziele können unter anderem sein, etwas über die örtliche Kultur, bestimmte Praktiken oder Prozesse zu erfahren.  

Klassische Instrumente bzw. typische „Sonden“ sind Einwegkameras, Tagebücher oder Anleitungen zur Erstellung von Fotocollagen oder Zeichnungen, bei denen die Teilnehmenden dazu aufgefordert werden, ihren (Arbeits-)Alltag eigenbestimmt zu dokumentieren. Damit gehören Cultural Probes zu den Instrumenten, dessen Ergebnisse und Daten mitunter am schwierigsten auszuwerten sind. Gleichzeitig lassen sie sich in den Bereich der partizipativen Methoden einordnen (siehe hierzu die Special Issue zu „Probes as Participatory Design Practice“). In der Regel wird Teilnehmenden ein Set an verschiedenen Instrumenten zur Verfügung gestellt, welches zwei bis sechs Wochen im Feld verbleibt und hinterher an die Forschenden übergeben wird. Dabei bleibt es den Teilnehmenden überlassen, welche Bestandteile des Sets sie zu Dokumentationszwecken einsetzen und welche Daten somit generiert werden.  

Cultural Probes: Alltagsbeobachtung durch die Teilnehmer*innen

Die aktive Rolle der Nutzer*innen in der Aufnahme des Materials bedeutet aus methodischer Sicht, dass Cultural Probes im Bereich angewandter Ethnografie eingeordnet werden. Zudem können Probes in Situationen eingesetzt werden, in denen Beobachtungen unüblich oder sogar unmöglich umzusetzen wären. Hierunter lassen sich z.B. „corona-bedingte“ Homeoffice-Situationen einordnen. Würden Personen in ihrem Alltag beobachtet werden, würde das einen sensiblen Eingriff in ihr Privatleben bedeuten, der vor allem forschungsethische Fragen auf den Plan ruft und auch den Zugang zum Feld deutlich erschwert. 

Insbesondere vor dem Hintergrund der Pandemie ist es somit umso schwieriger geworden, Zugang zum (Arbeits-)Alltag zu finden, sodass wir im Projekt „All is Data“ über alternative Wege nachdenken mussten. Hier kommen digital oder mobile Cultural Probes ins Spiel, bei denen z.B. Probes als Apps gestaltet werden können. Diese bieten gegenüber klassischen Cultural Probes einerseits den Vorteil, dass sie nicht zusätzlich als Objekt mitgenommen werden müssen und näher am Lebensalltag der Nutzer*innen sind und andererseits, dass Forschung unter herausfordernden Bedingungen besser ermöglicht werden kann. In AID greifen wir hierfür aller Voraussicht nach auf einen Chatbot zurück, der in einen Austausch mit Nutzer*innen treten soll. Dafür befüllen wir diesen mit verschiedenen Fragen und Inhalten, die dann wiederum durch die Teilnehmenden genutzt werden können. Die menschliche Komponente bleibt dabei natürlich erhalten. Wie der Chatbot in der Praxis aussehen kann, soll das folgende GIF in aller Kürze verdeutlichen:

In jedem Fall handelt sich nach wie vor um ein methodisches Instrument, welches die Selbstbeschreibung und Selbstbeobachtung der jeweiligen Person anregen soll, sodass die Anforderungen an die Konzeption digitaler Probes hoch ist. Insbesondere dadurch, dass nicht mehr auf ein Set an Tools, sondern gezielt auf ein Vorgehen zurückgegriffen wird, müssen wir im Projekt sicherstellen, dass unser Bot die „richtigen“ Fragen stellt, Interaktion geschickt angeregt wird und Nutzer*innen kontinuierlich angesprochen werden können, sodass sie sich auch motiviert dazu fühlen, ihren Alltag zu dokumentieren und uns zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen. 

Wer mehr zum Thema Cultural Probes lesen möchte, wird unter anderem hier fündig:

 
 
 

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